Wir verlieren uns.

Gerade jetzt in der Weihnachtszeit ist dieses Thema so wesentlich:
Alle reden von Liebe, Gemeinschaft und Mitgefühl –
und gleichzeitig verlieren wir die Fähigkeit,
wirklich füreinander da zu sein.

Heute saß ich bei der Weihnachtsfeier in der Schule meiner Kinder.
Die Kinder standen auf der Bühne – mutig, aufgeregt, offen.
Sie sangen, spielten, tanzten.

Und so viele Erwachsene standen auf, liefen herum, redeten laut –
als wäre all das nur die Kulisse für ihren eigenen Alltag.

Dann begann der Schulleiter zu lesen.
Eine Weihnachtsgeschichte über Mitmenschlichkeit.
Er bat um Stille.

Und während er sprach, standen Menschen auf –
laut, plaudernd, achtlos.

Gerade in dem Moment, in dem es um das ging, was uns fehlt,
lebten wir es – das Fehlen selbst.


Wir verlieren uns.
Nicht, weil wir böse geworden wären.
Sondern weil wir aufgehört haben, wirklich anwesend zu sein.

Wir sind körperlich da –
aber innerlich schon im Nächsten, im Müssen, im Weiter.

Und so verlieren wir die Fähigkeit, still zu werden –
und damit die Fähigkeit, den anderen wirklich wahrzunehmen.

Wahrnehmung beginnt immer bei uns selbst.
Nur wer sich selbst noch spürt, bleibt berührbar.
Nur wer sich selbst zuhört, kann zuhören.

Nur wer im eigenen Körper ankommt,
kann dem Leben begegnen –
und den Menschen darin.

Die letzten Wochen habe ich am eigenen Leib gespürt,
wie Menschen miteinander umgehen –
mal laut,
mal gleichgültig dem anderen gegenüber,
mal unaufmerksam.

Dabei wird spürbar,
wie Überforderung,
Abgeschnittenheit
und das leise Verschwinden von Verbindung
uns umgeben.

Weihnachten erzählt von Nähe, von Menschlichkeit,
von Neubeginn im Kleinen.

Und doch zeigt sich Mitmenschlichkeit nicht in großen Worten, sondern in stillen Gesten:

Hinsetzen statt Aufstehen.
Zuhören statt Reden.
Bleiben statt Vorbeigehen.

Menschsein beginnt in der Wahrnehmung.

Und vielleicht ist dies erst der Anfang.

3 Gedanken zu „Wir verlieren uns“

  1. Wie du das geschrieben hast hat mich sehr berührt .
    Genau so empfinde und habe ich , auf gestern bezogen auch empfunden.
    Es macht mich sehr 😢.
    Ich gebe die Hoffnung nicht auf das wir zu mehr Menschlichkeit zurück finden.
    Alles Liebe für die Zukunft.

    1. Danke für dein ehrliches Teilen und deine Worte.
      Gestern hat mich das alles eigentlich sprachlos zurückgelassen – schreiben war das Einzige, was ging. Der Text musste raus.
      Schön, dass er dich erreicht hat und du dieses Gefühl teilst. Das lässt mich hoffen.
      Wenn wir alle etwas aufmerksamer mit uns selbst und miteinander umgehen, kann sich so vieles wieder zum Guten wenden – auch wenn die Welt gerade oft das Gegenteil spiegelt.

  2. Deine Wahrnehmung haben mich sehr berührt und zum Nachdenken gebracht.
    Wir denken viel zu wenig darüber nach,das ruhe auch etwas mit Respekt zu tun hat.
    Respekt ist nur ein kleines wort,kann aber großes bewirken.

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